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BNN vom 09.10.2000

Podiumsdiskussion der Landesvereinigung Baden in Europa in Karlsruhe

Unmut der Badener trifft die Stuttgarter frontal

Lange Liste der eklatanten Benachteiligungen vorgelegt / Bereits 50 000 Protestunterschriften

Karlsruhe. Am Ende haben sie alle frohgemut das Badnerlied angestimmt und mit Wohlwollen registriert, dass auch die zwei Württemberger unter ihnen lautstark und erstaunlich textsicher in den Gesang einfielen. Womit sich bestätigen sollte, was Robert Mürb zuvor schon in den voll besetzten Saal gerufen hatte: „Wir sind tolerant und von Liberalität durchdrungen.“ Allerdings hatten sie zuvor bewiesen, dass sie auch ganz anders können: Wie überzeugte Badener aus einer Podiumsdiskussion zur bevorstehenden Landtagswahl eine Art politischen Aschermittwoch zur Herbstzeit machen können.

Mitleidig hätten ihn seine Kollegen angesehen, sagte Ernst Pfisterer, als er ihnen von seinem bevorstehenden Auftritt in der „Höhle des Löwen“ berichtete. Auf den Fraktionschef entfielen indes die minder starken Unmutsbekundungen, sein Kollege von der CDU mußte weitaus mehr einstecken.

Und das, obgleich Günther Oettinger im überfüllten Saal eines Karlsruher Gasthauses jede Menge Parteifreunde ausgemacht haben dürfte. Keine Hand regte sich nach seinem geschäftsmäßigen Plädoyer für die Regierungsarbeit zum Applaus. Buhrufe erschallten gar, als der Christdemokrat sagte, Baden hätte es nur im Kontext mit Württemberg zu einer europaweit beachteten Stellung gebracht.

Bei der von Robert Mürb geführten „Landesvereinigung Baden in Europa“, die mit über 11 000 Mitgliedern mittlerweile ein wichtiges Stück Lobbyarbeit für die Region am Rhein leistet, ist man vom Gegenteil überzeugt. „Stuttgart behindert doch unsere Zusammenarbeit mit Frankreich“, heizten Redner den Stuttgarter Politikern ein.

Aktuelles Beispiel: Der Sprachunterricht in Französisch, der von Kultusministerin Schavan viel zu zögerlich umgesetzt worden sei. „Immer wenn Baden Brücken nach Frankreich schlagen konnte, ging es ihm gut“, erinnerte Robert Mürb, „immer wenn die Kontakte über den Rhein gestört waren, litt auch das Land.“

Dem Unmut der Badener ob einer „eklatanten Benachteiligung“ gab Peter Wintruff von der SPD Ausdruck. „Unsinnig und teuer“ sei es gewesen, die Schweinezuchtanstalt aus Forchheim abzuziehen“.

Geradezu unwürdig sei die Bettelei um Zuschüsse für Karlsruher Neue Messe, während Stuttgart ein Vielfaches für eine ungeliebte Messe auf den Fildern veranschlage. Der Grünen-Abgeordnete Gerhard Stolz zitierte Zeitungsartikel, in den Teufel und Döring sich mit „Eifer und vollem Gewicht“ hinter Stuttgarter Großprojekte stellen. „Von Mannheim 21 oder der Karlsruher Messe kein Wort“, rief Stolz unter lautem Jubel im Saal.

Völlig unverständlich sei es gewesen, Baden-Baden den Intendantensitz für die fusionierte Rundfunkanstalt zu nehmen. Jetzt würde die Kurstadt nicht nur mehr und mehr ausgedünnt, überdies sei der Sender zu einem Stuttgarter Lokalsender verkommen, zum „SWR, dem schwäbisch-württembergischen Radio“, wie Michael Obert von der Karlsruher FDP den Abgeordneten aus Stuttgart vorhielt.

Die Liste der Ungereimtheiten, die zu annähernd 50 000 Protestunterschriften gegen Stuttgarter Zentralisierungstendenzen geführt hatte, ist lang. Warum gibt es für den Nahverkehr der Hauptstadt mehr Zuschüsse pro Fahrgast als für alle anderen Verkehrsverbünde im Land?

Warum werden Theater dort höher gefördert als anderswo? „Wir können rechnen wie wir wollen, am Ende ist das Verhältnis von Karlsruhe zu Stuttgart immer eins zu zehn“, sagte Mürb.

Oettinger versuchte mit Hinweis aus Zuschüsse des Landes für den Ausbau der baden-württembergischen Fußballstadien zu kontern. Karlsruhe 15 Millionen, Freiburg 17 Millionen, Mannheim 17 Millionen, „Stuttgart liegt bislang in ähnlichen Dimensionen“, sagte Oettinger. Auf Zurufe aus dem Saal nennt er die Zahl: 45 Millionen. Die Erregung ist groß, doch größer noch, als Oettinger mit verblüffender Logik aufaddiert: „Nach Baden floss doch genauso viel Geld wie nach Stuttgart, oder nicht?“

In einem vierseitigen Papier zur Landtagswahl fordert die Landesvereinigung die Parteien dazu auf, von einer solchen Überhöhung der Rolle Stuttgarts schleunigst abzugehen. „Das Konzept, die Hauptstadt zu einer Europäischen Metropolregion aufzubauen, ist schlichtweg falsch“, sagte Mürb.

Das sah auch der Ministerpräsident von 1953 so, sagte Gerhard Stolz und zitierte genüßlich einen Satz Gebhards Müllers, der sich nachdrücklich für eine dezentrale Struktur im Land ausgesprochen hatte. Und was meint Erwin Teufel 2000 dazu? „Das Land ist kerngesund, wenn das Herz kerngesund ist.“ Bei der Landesvereinigung kann man über solche Worte nur den Kopf schütteln und die badische Hymne anstimmen.